Über den fru
Den Friedenstreff Rüsselsheim und Umgebung gibt es in seiner heutigen Form seit Dezember 2016. Unter anderem anlässlich des Bundeswehrauftritts auf dem Hessentag 2017, der in Rüsselsheim stattfand, wurde damit ein Grundstein für weitere Friedensarbeit gelegt.
Von der RFI zum Friedenstreff
Wie bildete sich Jahre nach der Auflösung der RFI der fru als neue Bürgerinitiative? Schon der Unterschied in der Bezeichnung verrät, dass nicht einfach weitergeführt wird, was mal war – dass aber an die Ideen von damals angeknüpft wird.
Aus der Vergangenheit: Über die RFI
Die Rüsselsheimer Friedensinitiative wurde 1979 vom evangelischen Pfarrer Willi Göttert ins Leben gerufen und hatte bis 2009 Bestand. Zum eigens bis 2007 geschaffenen „Weltfriedensplan“ und den damaligen Aktivitäten an dieser Stelle mehr.
Hintergrundinformationen zur Friedensbewegung in Rüsselsheim
Die Erforschung einer Friedensbewegung im Raum Rüsselsheim steht noch aus. Sicher gab es eine solche schon im Rahmen der internationalen Arbeiterbewegung und im Widerstand gegen den NS-Militarismus. Hier sei an den Widerstand von Opelarbeitern wie Walter Rietig gegen die rassistische Unterdrückung im Opelwerk sowie an die Träger der „weißen Fahne“ bei Kriegsende erinnert. Den einzig uns bekannten Kriegsdienstverweigerer im 2. Weltkrieg in unserem Raum, Friedrich Meister, haben wir vom Friedenstreff 2019 als „Leuchtendes Vorbild“ vorgeschlagen. (1)
Einen etwas genaueren Überblick wollen wir nur für die Zeit der letzten 40 Jahre geben, als mit der Rüsselsheimer Friedensinitiative (RFI) und dem Friedenstreff Rüsselsheim und Umgebung (fru) Bürgerinitiativen im Rahmen der Friedensbewegung auch in Rüsselsheim entstanden.
- Einen Überblick zur RFI verfasste Christel Göttert 2021 im Rahmen der Gründung des Friedensschutzbüros der Stadt Rüsselsheim (2, _s. unten_)
- Aus gleichem Anlass schrieb Dieter Stork eine Kurzfassung des Wirkens des fru (3, _s. unten_)
- Der fru arbeitet in enger Zusammenarbeit mit der lokalen attac-Gruppe. Hier hatte zuvor über mehrere Jahre eine AG Frieden bestanden. Für diesen Überblick schrieb Heinz-Jürgen Krug einen Kurzbericht über deren Wirken.
- In Vorbereitung der Initiative für eine stärkere kommunale Organisation von Friedensarbeit lud der FRU im April 2018 zu einer Veranstaltung über Pfarrer Göttert mit Frau Christel Göttert, seiner Schwiegertochter, als Referentin ein. In diesem Rahmen bemühte sich Dieter Stork wesentliche friedenspolitische Aussagen und Handlungen der RFI und Pfarrer Götterts aus dem Nachlass Pfarrer Götterts im Stadtarchiv einem breiteren Leserkreis zugänglich zu machen. Diese rund 40 Seiten mit verschiedenen Rubriken finden sich hier (4 oder 5). Für die kommunalpolitische Weiterentwicklung hin zu einer „Friedensschutzstadt Rüsselsheim“ waren folgende Gedanken Pf. Götterts grundlegend. (5 oder 6: zu den Auszügen aus dem Pfarrer Göttert-Archiv)
- Im Januar 2021 wurde von städtischer Seite im Rahmen der Friedensarbeit der „Mayors for Peace“ (Bürgermeister*innen für den Frieden) das Friedensschutzbüro eingerichtet und mit einer Friedensschutzbeauftragten besetzt, die in enger Zusammenarbeit mit Vertreterinnen und Vertretern des Friedenstreffs (zunächst Frau Christel Göttert, Herr Heinz-Jürgen Krug und Herrn Dieter Stork) sowie Vertreter*innen von VdK, evangelischer Kirche und pax christi im Auftrag des Magistrats Grundprinzipien einer „Friedensschutzstadt Rüsselsheim“ erarbeitete und über diese in gedanklichen Austausch mit vielen Ämtern der Stadt und gesellschaftlichen Organisationen in der Stadt trat. (6 oder 7)
- Die Arbeit des „Friedensschutzbüros“, an welcher der Friedenstreff sich engagiert beteiligt, wird auf den Seiten der Stadt dokumentiert.
- Die Arbeit des Bündnisses „Friedlicher Hessentag“, an welcher der Friedenstreff weiterhin sich engagiert beteiligt, wird auf der Seite https://www.friedlicher-hessentag.de/ dokumentiert.
Christel Göttert zur Rüsselsheimer Friedensinitiative (RFI)
Aus einer Video-Konferenz des Friedensschutzkreises Rüsselsheim am 21.09.2021
Ich bin Christel Göttert, 79 Jahre alt, verheiratet, 2 Kinder und 2 Enkeltöchter.
Der geschichtliche Hintergrund für unser Vorhaben, Rüsselsheim zur Friedensschutzstadt zu machen, ist vielen hier vermutlich bekannt. Damit aber alle auf demselben Informationsstand sind, möchte ich einen kleinen Überblick geben.
1979 gründete Pfarrer Willi Göttert – er war mein Schwiegervater – mit einem großen Kreis von friedensbewegten Menschen die Rüsselsheimer Friedensinitiative.
Großes Anliegen war der Entwurf eines Weltfriedensplans. Mehrere Veranstaltungen, sogar mit Vertretern aus Regierungskreisen führten dazu, dass dieser Entwurf 1982 bei den Vereinten Nationen, der UN in New York vorgestellt werden konnte.
Die Hoffnung war damals sehr groß, damit eine wichtige Anregung für die Friedensarbeit weltweit geben zu können. Tatsächlich erwuchs daraus ein jahrelanger intensiver Briefwechsel, mit zahlreichen Botschaften, aus vielen Ländern. Wohlwollend waren alle Staaten, wirklich handelnd keiner.
Für die Friedensinitiative kam daher die Einsicht, dass der Weg über die Regierungsebenen wichtig, aber nur ein Weg war. Es ging deshalb darum, parallel auf der örtlichen Ebene den eigenen Kreis zu erweitern, damit mehr Wissen über Frieden und Kriegsgefahren in der eigenen Bevölkerung verbreitet wird und ein Fundament für wirkliche Friedensarbeit wachsen kann.
Aus dem Jahr 1989 stammt daher der Antrag an die Stadt Rüsselsheim, das Konzept einer Friedensschutzstadt zu entwickeln. Aber außer den jährlichen Kundgebungen am schon 1981 - also vor 40 Jahren - gesetzten Gedenkstein zur Erinnerung an die Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, Teilnahme an Demonstrationen und Veranstaltungen blieb die Rüsselsheimer Friedensinitiative trotz großer Anstrengungen auf der Stelle stehen.
2008 starb Willi Göttert, der selbst mit 97 Jahren noch immer jährlich Friedensbriefe verfasste. Als im selben Jahr auch ein großer Mitstreiter, der Landtagsabgeordnete Martin Schlappner starb, einige Aktive aus Rüsselsheim weggezogen waren, wurde das Ende der Rüsselsheimer Friedensinitiative sichtbar. 2009 lösten wir schweren Herzens in kleiner Runde die RFI endgültig auf, obwohl deutlich war, wie nötig diese Friedensarbeit bleibt.
2017 hat Dieter Stork dankbarer Weise angesichts der bedrohlichen Weltsituation die Initiative ergriffen, den Friedenstreff Rüsselsheim und Umgebung gegründet. Seitdem trafen wir uns am 6. 8., dem Hiroshimatag immer am Friedensstein gemeinsam mit Heinz-Jürgen Krug von Attac und wurden uns klar darüber, dass wir gemeinsam aktiv werden wollten im Sinne des Friedensschutzes für unsere Stadt, bald auch unterstützt von Ingrid Reidt für PAX Christi.
Heute, mehr als 30 Jahre später – also eine ganze Generation später – kommen wir daher auf das Anliegen Friedensschutzstadt zurück. Die Welt ist komplexer geworden, die Gefahren des Auseinanderdriftens größer. Klimakrise und Pandemie sind enorme Herausforderung für uns alle. Was hat das alles mit Frieden zu tun? Was verstehen wir eigentlich unter Frieden, was kann unser Beitrag dazu sein, wie wird Friedensarbeit sichtbar und wie können alle daran teilhaben?
Bei der Analyse, wie es mit dem Interesse für Frieden in unserer Stadt aussieht, stellten wir fest:
Unsere Stadt ist reich an engagierten Menschen aus vielen Ländern, aus verschiedenen Kulturen, reich auch an aktiven, die Gesellschaft stärkenden Gruppierungen, Kulturvereinen, Bildungseinrichtungen mit dem Auftrag, friedenspolitisch zu wirken. Wie also kommen wir dazu, diese doch in vielen Facetten vorhandene Kraft ins kollektive Bewusstsein zu holen, damit wir alle von und miteinander den Friedensschutz zum Programm machen.
Heute sind wir nun in der Lage, wenn auch nicht persönlich, so doch im großen Video-Kreis uns über die Möglichkeiten darüber auszutauschen.
Meine persönliche Idee davon, die ich schon 2019 bei der Kundgebung am Friedensstein formulierte, ist die, dass in der jeweils eigenen Gruppe, im Verein, in der Interessensgruppe, in den Bildungseinrichtungen der Gedanke Raum bekommt, was ist an dem, was wir tun, dem Frieden dienlich, was wollen wir davon mit anderen teilen.
Wie wir gehört haben, ist es in der Zwischenzeit schon gelungen, die dafür erforderliche Stelle in der Stadtverwaltung mit dem Friedensschutzbüro zu etablieren. Dank an alle, die das ermöglicht haben und auch an Uta Sandner, die sich schon das ganze Jahr mit aller Kraft für die Idee einsetzt. Bei ihr können künftig die guten Meldungen gesammelt werden, auf einer Plattform – der Homepage des Friedensschutzkreises – für alle sichtbar und zugänglich gemacht werden – und dort nicht nur einige Tage, sondern auch dauerhaft als Archiv zur Verfügung stehen.
Bei der Neugestaltung des Friedensplatzes könnte dann noch in geeigneter Form eine digitale Tafel über die aktuellen Meldungen informieren. Für die Menschen beim Stadtrundgang sicher ein willkommener Anlaufpunkt.
Eine besondere Aufgabe wird darin bestehen, ob wir es schaffen für die Verbindung zwischen Ehrenamt und Verwaltungsalltag die geeigneten Wege zu finden, auf Augenhöhe, mit viel Neugier auf das Neue und im Respekt vor der Unterschiedlichkeit aller Beteiligten, den Friedensschutz für unsere Stadt voranzubringen.
Herr Dieter Stork fährt fort mit Daten zur Entwicklung des Friedenstreffs Rüsselsheim und Umgebung.
Dieter Stork: Einige Daten zur Entwicklung des Friedenstreffs Rüsselsheim und Umgebung (fru)
Aus einer Video-Konferenz des Friedensschutzkreises Rüsselsheim am 21.09.2021
Aufgrund der neuerlichen Verschärfung der Atomkriegsgefahr als Folge der Ukraine-Krise 2014 kam es gegen Ende 2016 zur Gründung einer Bürgerinitiative gegen die nukleare Strategie der Nato und die Atomwaffenteilhabe der BRD sowie gegen die forcierte Aufrüstung der Bundeswehr, die von einer Feindbildpropagierung begleitet wurde. Da die Ziele dieser BI mit denen der früheren Rüsselsheimer Friedensinitiative weithin übereinstimmten, übernahm sie kurzzeitig deren Bezeichnung, änderte ihren Namen auf Wunsch von Christel Göttert aber in „Friedenstreff Rüsselsheim und Umgebung“, um die wesentlich von Pfarrer Göttert geprägte RFI als eigene lokalpolitische Bewegung zu belassen.
Aufgrund der erdrückenden Militarisierung des Hessentags, wie dies 2017 auch in Rüsselsheim deutlich wurde, trat jedoch zunächst die Aufgabe in den Vordergrund, dieses Militäraufgebot auf Volksfesten nicht als Selbstverständlichkeit erscheinen zu lassen. Darum suchten wir Kontakt zu antimilitaristischen Gruppierungen von Mainz bis Frankfurt, um mit Ständen und einem Aktionstag dieser Militärpropaganda entgegenzutreten. Aus dieser Erfahrung des Überrolltwerdens lokaler Friedesninitiativen durch eine eingespielte Bundeswehrorganisation bei jedem Hessentag entstand das Bestreben, eine hessenweite Organisation von Vereinen und Bürgerinitiativen zu schaffen, welche lokale Initiativen gegen diese Militärpropaganda auf Hessentagen unterstützen könnte. Schließlich gelang es 2019 in Bad Hersfeld das hessenweite Bündnis „Friedlicher Hessentag“ zu gründen, dem neben mehreren städtischen Friedensforen auch gewerkschaftliche, parteinahe und kirchliche Gruppierungen angehören.
Im Vordergrund der Arbeit des Friedenstreffs Rüsselsheim und Umgebung blieben jedoch die Aktivitäten in der Stadt und in der Region. Sowohl durch Vorträge als auch durch Straßenstände und die Teilnahme an Aktionen in Büchel versuchte der Friedenstreff darauf hinzuwirken, dass die Bürger, die laut allen verfügbaren Umfragen mit großer Mehrheit die Atomwaffenstrategie der Nato ablehnen, bei ihrer Wahlentscheidung diesem Komplex eine vorrangige Bedeutung zumessen würden.
Da die Natostaaten einschließlich Deutschlands den Atomwaffenverbotsvertrag der UNO vom 7.7. 2017 geschlossen ablehnten, versuchte der Friedenstreff die Bewgung der Bügermeister für den Frieden, welcher im Kreisgebiet bis dahin nur Mörfelden-Walldorf beigetreten war, zu stärken und konnte mit beitragen, dass zunächst der Landrat des Kreises Groß-Gerau, dann 2019 auch der Oberbürgermeister der Stadt Rüsselsheim dieser Bewegung beitraten. Die MfP des Kreises GG traten dann jeweils mit Beschluss des Kreistags bzw. der Stadtverordnetenversammlungen in den Jahren 2020 und 2021 auch dem sogenannten ICAN-Appell bei, in welchem die Bundesregierung ausdrücklich zum Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag aufgefordert wird.
Begleitet wurde dieser Prozess durch eine bewusste Erinnerung an die Bewegung der RFI gegen Atomwaffen in einer Veranstaltung zum 10. Todestag von Pfarrer Göttert im April 2018. Dabei wurde dessen Konzeption einer Friedensschutzstadt als lokaler Basis gegen Feindbilder und gewaltbasierte Konfliktlösungsversuche von der Referentin Christel Göttert in den Mittelpunkt gestellt. In der Folge kam es zu mehreren Besprechungen mit Oberbürgermeister Bausch und verschiedenen Gremien der Stadt, um die Einrichtung einer städtischen Koordinationsstelle zur Bündelung und Förderung der Friedensschutzbemühungen in der Stadt zu erreichen. Diese Stelle wurde Anfang 2021 geschaffen und mit Frau Uta Sandner besetzt. Wir alle hoffen, dass dadurch die Friedensschutzarbeit in Rüsselsheim kontinuierlicher und koordinierter erfolgen wird und so auf ein neues Niveau gehoben werden kann.
„Friedensschutzstadt Rüsselsheim“ - das klingt in Zeiten der Klimakrise hoffnungsvoller als „Opelstadt“. Wenn es uns gelingt eine lebendige Friedensschutzzusammenarbeit ziviler Organisationen und städtischer Ämter zu etablieren, dann könnte diese Vision Pfarrer Götterts noch weit über Rüsselsheim hinaus wirksam werden.